Die Macht der Verschwörungstheorien

Zum Wie und Warum der Bunt statt Braun - Jugendkulturwoche für Vielfalt und gegen Rassismus 2021, die vom Veranstalterteam trotz und wegen der Pandemie organisiert wurde und vom 19. – 24.7. stattfinden wird

Vor dem Einstieg ins Thema soll diesmal auf die Tatsache hingewiesen werden, dass es in diesem Jahr 2021, dem Jahr 2 der Pandemie, überhaupt ein „Bunt statt Braun“ gibt. Ja, es gibt eines, aus zwei Gründen: Einmal deswegen, weil fast alle Angebote und Veranstaltungen als Plan A die virtuelle Variante aufweisen. Alles kann gestreamt werden, selbst die Theaterworkshops des JES haben eine praktikable Streaming-Variante. Die Schauspieler und Theaterpädagogen und die Räume des JES auf der einen Seite und die jeweiligen Klassen, Lehrer*innen und Schulräume auf der anderen Seite werden mit einem entsprechenden Tool im Internet so verknüpft, dass der Workshop ohne erhöhtes Ansteckungsrisiko durchgeführt werden kann. Und so ist es mit a l l e n anderen Veranstaltungen auch, also den weiteren Workshops, den Vorträgen, Filmen und Theatervorstellungen. Vor Ort im Schwanen ist nur Plan B.

Das ist der eine Grund. Der andere Grund liegt darin: Es war der Wunsch fast aller befragten Lehrer*innen und Schulleitungen, dass es auch in diesem relativ verrückten Schuljahr das Bunt statt Braun Angebot gibt. Es soll „nicht alles wegbrechen“. Es soll „grade heute solche, den Schulalltag und den Lehrplan übersteigende, grundsätzliche, wertevermittelnde Aktivitäten“ geben.

Und ja, da haben sie recht, die engagierten Pädagog*innen, die in vorderster Linie stehen und die schwere Aufgabe haben, nicht nur Wissen und Kenntnisse zu vermitteln, sondern auch mit die Weichen dafür zu stellen, dass die ihnen Anvertrauten sich mehr und mehr zu mündigen Menschen entwickeln können. Diese Aufgabe besteht auch in einer Pandemie weiter.

Und in dieser jetzigen Pandemie, so kann man ergänzen, erst recht! Die Corona-Krise ist auch zu einer Krise des reflektierten Denkens und Handelns geworden. Ideologien, die auch ohne Corona schon blühten, entfalten jetzt ihre ganze Pracht. Neue kommen hinzu. Als Zeichen der Unterwerfung unter angeblich volksfeindliche, freiheitsberaubende Mächte gilt neuerdings: ein Mund-Nasen-Schutz! Eine gemeinsame und solidarische Anstrengung zur Eindämmung der Ansteckungen gilt als die Verhängung von Zwangsjacken gegen freiheitsliebende Bürger*innen. Nicht etwa, nur als Beispiel, der Zwang zur ständigen Produktivitätssteigerung und Innovation. Impfungen gegen das Virus werden angesehen als Vergewaltigung des Rechts auf den eigenen Körper. Nicht etwa die kalte Normierung und noch kältere zeitliche Straffung von Lebensabläufen durch die Digitalisierung auch solcher Bereiche der Gesellschaft, in denen ein Mehr an Menschen und nicht ein Mehr an Maschinen geboten wäre. Die Liste ließe sich lange fortsetzen.

 

Dieser Ideologisierungsprozess ist der einer Minderheit. Aber einer, die zum Grausen ist. Da marschieren alte Kämpen der Alternativbewegung und junge Individualist*innen, die sich von niemand etwas sagen lassen wollen, gemeinsam mit alten und neuen Neonazis, weil das Leid durch einen Mund-Nasen-Schutz sie zusammenschweißt. Und daneben ein Waldorflehrer, für den eine Impfung zum verführerischen Handwerkszeug des Bösen gehört, weil sie die Entwicklung des gerade jetzt möglichen menschlichen Potentials durchkreuze. Das mag so sein. Aber wenn diese Sicht der Dinge eine komplette Dissoziation als Impfgegner rechtfertigt, rechtfertigt sie auch einen kolossalen Narzissmus. Dann kann man gleich das alte „Vae victis!“ des Gallierfürsten Brennos mit „Wehe den Geimpften!“ übersetzen. Die junge Frau, die es geschafft hat, eine Demonstration anzumelden, und sich deshalb als in der Tradition der Sophie Scholl stehend sieht, wäre da auch nicht weit.

Damit soll nicht gesagt werden, dass in der Reaktion der großen Mehrheit von Gesellschaft und Politik auf die Pandemie alles Gold wäre. Das ist es nicht. Von politischer Seite handelt man zu obrigkeitlich und viel zu wenig „mitnehmend“, gibt also denen, die bereit sind, selbstverantwortlich und überlegt auf pandemische Anforderungen einzugehen, kaum die Möglichkeit, das zu tun. Die Folge sind pauschale, weil einfach und einfallslos ins Werk zu setzende Verbote. Um keine Unklarheit aufkommen zu lassen: Das ist im Extremfall einer lebensbedrohlichen Pandemie besser als den Kopf in den Sand zu stecken oder zu glauben, ganz ohne Verbote auszukommen. Aber es könnte besser sein. Es hätte eine aktive Gemeinschaft präventiv Handelnder entstehen können statt nur eine passive im Erdulden.

Richtig bedenklich und gefährlich aber sind die bereits angedeuteten Ideologisierungsprozesse. In dem Maß, in dem Angst und Unsicherheit wachsen, wächst auch der Wunsch nach Erklärungen. Die Corona-Krise ist die größte lebensbedrohliche und globale Gesundheitskrise seit hundert Jahren. Das Bedürfnis nach Sicherheit, nach Antworten auf die vielen aufbrechenden Fragen ist entsprechend riesig. Wer einfache, scheinbar klare Antworten anbietet, findet, wie verrückt diese auch seien, Abnehmer. Solcherart Antworten sind auch die Spezialität rechtsextremer Weltanschauungen. Von denjenigen, die Corona nicht für eine Pandemie, sondern, wie sie sagen, für eine „Plandemie“ halten, eine geplante Maßnahme (für was auch immer), sind die extrem Rechten die klarsten, verrücktesten und erfolgreichsten. Etwa QAnon oder kurz Q. So nennt sich eine Gruppe, die seit 2017 im Internet verbreitet, dass eine weltweit agierende Machtelite Kinder entführe, missbrauche, töte und aus ihrem Blut eine lebensverlängernde Droge herstelle. Trump bekämpfe diese Elite. Umfragen der britischen NGO „Hope not hate“ ergaben, dass im Oktober 2020 10% aller befragten US-Bürger*innen sich als Unterstützer*innen von QAnon sahen, das sind extrapoliert 30 Millionen Menschen. Bei den Trump-Anhänger*innen waren es 20%. 19% der Befragten waren der Meinung, die Corona-Pandemie sei Teil eines Entvölkerungsplans der UNO. (S. dazu u.a. https://de.wikipedia.org/wiki/QAnon .) Auch in Deutschland gibt es zahlreiche Anhänger von QAnon. Teilweise wird das Buch „Der große Umbruch“ von Klaus Schwab als Beleg für das Agieren einer satanistischen Elite genommen.

Unsicherheit und Autoritätsgläubigkeit lassen auf der zum jeweiligen Feind erklärten Seite all derer, die nicht der eigenen verehrten, absolut gesetzten Autoritätsperson oder –institution angehören, starke oder stärkste Mächte mit fast magischen Kräften und absoluter Bosheit sehen. So können Menschen mit autoritärem Charakter sich in einem Kampffeld klar verorten und ihre Art von Zufriedenheit erlangen.

Wie es dazu kommt, wie solche Menschen werden, was sie sind, dazu bietet „Bunt statt Braun 2021“ gleich 6 Veranstaltungen in verschiedenen Genres an. Hier sei nur auf eine exemplarisch hingewiesen: Dr. Herbert Renz-Polster, Kinderarzt und Kindheitsforscher mit soziologischer und psychologischer Ausbildung, einer, der in jahrzehntelanger Praxis Kinder behandelt und sie und ihre Eltern aus nächster Nähe zu Gesicht bekommen hat, lehrt uns die familiären Wurzeln des Phänomens Rechtsextremismus zu lesen. Er stellt in einem Vortrag mit dem Titel „„Kein Mensch wird als Rassist geboren“ (Nelson Mandela) - Erziehung, Werte und Gesinnung: Warum die Kindheit „politisch“ ist“ zentrale Thesen seines Buches „Erziehung prägt Gesinnung“ vor.

Eine weitere Gruppe von Veranstaltungen widmet sich den analogen und virtuellen Diskriminierungsmechanismen und ihren Wirkungen. Exemplarisch hierfür sei auf den Vortrag/Workshop des Kriminalhauptkommissars und Soziologen Leo Keidel hingewiesen, der u.a. aufgrund von Erkenntnissen aus einer Schülerumfrage zu den Themen „Hate Speech“ und „Cybermobbing“ an einer Schule des Rems-Murr-Kreises darlegt, wie unglaublich verbreitet Beschimpfungen und Androhung von Gewalt tatsächlich sind. Dieser realitätsgesättigte Unterricht der Landespolizei möchte den zivilcouragierten Umgang junger Menschen im Kontakt mit „Hate Speech“ fördern und die Bereitschaft der Schüler*innen, bei erkannten Verstößen zu reagieren, steigern.

Angeboten werden weiter die Filme (per Video) „Capernaum – Stadt der Hoffnung“ und „Three Billboards outside Ebbing, Missouri“ mit Nachgesprächen (online), die Ausstellung „Werte und Worte“ von Schüler*innen aus dem Rems-Murr-Kreis (online oder in den Foyers des Schwanen), eine Online-Lesung mit Iris Lemanczyk, eine Podiumsdiskussion zum Thema „Alltagsdiskriminierung im Ländle oder ‚Warum gehöre ich eigentlich nicht dazu?‘ “ und der von Dr. Katrin Gratz und Naser El Bardanohi geleitete Online-Workshop „Was uns verbindet, ist mehr als was uns trennt“. Last but not least das große Band-Festival: Wenn die Pandemielage es zulässt die einzige Veranstaltung (fast) wie in früheren Zeiten, nämlich live, draußen auf der Schwaneninsel, und die einzige, die Eintritt kostet!

Alle aufgeführten Veranstaltungen treibt die Frage um, woher diese so furchtbar oft zu beobachtende Gewissheit kommt, dass wir im Recht sind. Worauf genau gründet Gewissheit? Wann kommuniziert sie eher mit Wissen, und wann ist sie eher Blindflug, eine Art nur sich selbst bestätigenden Gewissens? Wir müssen uns und vor allem Jugendliche und junge Erwachsene sensibilisieren für Unterschiede, dafür, was verblendetes Insiderwissen ist und was dieses mit Nazismus zu tun hat, und dafür, wie die oft leisen, analysierenden Töne zu finden sind. Darum geht es bei „Bunt statt Braun“. Wir wünschen allen unseren Besucher*innen, allen, die mit oder ohne Klassen, oft nur im virtuellen Raum, aber mit dem Herzen dabei sind, spannende, erhellende und glückliche Momente.

Ihr Bunt statt Braun Team