Klare Kante Corona

Alltagskultur im Heute und Hier

C. Wandersleb

 

Die Humanität einer Gesellschaft misst sich daran, wie sie mit ihren schwächsten Mitgliedern umgeht. Also mit Hilflosen oder Geschwächten: Menschen mit Behinderung, Desorientierte, Kranke, Menschen, die alt sind u.a.m.. Diejenigen, die gegen jegliche Corona-Präventionsmaßnahmen sprechen und sich – was nicht zwingend so sein müsste – zugleich auch praktisch nicht nach ihnen richten, haben ein eigenartiges Mitgefühl gegenüber den Menschen, unter denen sie leben. Ihr Mitgefühl erstreckt sich nur auf Ihresgleichen. Das wird dann offensichtlich, wenn man ihnen beispielsweise Kranke mit aus medizinischen Gründen unterdrücktem Immunsystem „zur Seite stellen“ wollte. Solche Kranke, und das sind nicht wenige, laufen bei einer heftigen Infektion Gefahr, dass ihr gesamter, mühsamer, langwieriger und immer fragiler Heilungsprozess annulliert wird. Unter Umständen ein Prozess von Jahren.

Grundsätzliche Corona-Skeptiker lässt das eigenartig kalt. Kein Kranker in solcher Lage, kein alter oder aus anderen Gründen hochgefährdeter Mensch würde mit ihnen auch nur vor einem Laden zusammenstehen wollen. ‚Na ja, muss er auch nicht‘, antworten sie (sollte man sie vielleicht besser als etwas flapsige, es aber im Grund gut meinende Corona-Narzissten bezeichnen?). An dieses jedenfalls denken sie nicht: Dass auch ein durch Viren extrem gefährdeter Mensch Gesellschaft braucht und sucht. Nicht alleine in der Wohnung sitzen, sondern rausgehen möchte und das möglichst ohne großes Risiko.

Das folgende Argument aber setzt die unter Diffamierung und Ausgrenzung leidenden Corona-Skeptiker dann doch wieder in ein günstigeres Licht: ‚Viren, etwa Grippeviren, gibt es schon lange, daran sterben viel mehr Leute als an Corona, ohne dass darum ein Affentanz gemacht wird. Dass es seit langem und weltweit Grippe gibt: Ist das ein Grund für einen sorglosen Umgang mit Corona? Die Antwort lautet: Ja! Denn wenn es Grippetote gibt, dann ist es natürlich, dass es auch Corona-Tote gibt, das ist der Lauf der Welt und macht den Kohl nicht fett. Es gibt tausende Krankheiten, an denen man sterben kann, da machen ein paar mehr keinen grundsätzlichen Unterschied.‘ Dieses pfeilscharfe Denken hat dieselbe analytische Logik wie der Satz: „Lupus est homo homini“ (Ein Wolf ist der Mensch dem Menschen) des Römers Titus Plautus vor 2200 Jahren. Heute, durch den immensen Fortschritt von Wissenschaft, Technik und Pluralismus, können wir das multipel fassen: Nicht nur ein Wolf, sondern auch eine Viper, eine Giftspinne, ein Schaf (i.e. Scheuer) ist der Mensch dem Menschen, ein Xenophober, Paragraphengläubiger, Auto- und Klimaanarchist. Die Überlebenden werden ein Immunsystem haben, welches Corona zur Fußnote machen wird. Ja, muss man da sagen, Darwin, Auslese, alles gut!! Gefährdete Menschen machen ohnehin schon Vieles, um keine Grippeviren einzufangen. Sie werden nicht böse sein, wenn wir ihnen noch ein paar inbrünstig verströmte neue Viren aufs Auge drücken! Der eine oder andere von uns muss ohnehin dran glauben.

Das kann dann so aussehen: Nehmen wir einen 20Jährigen, der von einer Krebserkrankung geheilt ist und, noch etwas wacklig, versucht, einen Nichtkrankenhaus-Alltag wiederzufinden. An der Schule, im Betrieb oder der Uni gelten Corona-Regeln, immerhin. Etwas schwieriger wird es, wenn manche Mitschüler oder Kommilitonen die Regeln ignorieren. Aber dann, wenn der junge Mann an die Orte geht, an denen sich junge Leute in ihrer Freizeit treffen, Orte im öffentlichen Raum, Straßen, Plätze, Parks, stellt er fest, dass dort fast alle keine Maske tragen, keinen Abstand einhalten und alles, was eine Corona-Infektion begünstigt, nach Kräften tun. Dieser 20Jährige wird nicht bereit sein, es eben mit noch ein paar weiteren Viren (von der en gros angebotenen Sorte) aufzunehmen und das Gesetz Darwins zu vollstrecken. Er will hingegen leben. Will nicht noch mehr Krankheit aushalten müssen als bisher schon. Das ist seine Entscheidung. (Und wenn er Risiko fahren will, ist es auch seine Entscheidung, und nicht die der Corona-Darwinisten.) Er fühlt sich an den Treffpunkten wie früher vielleicht ein Aussätziger in einer Stadt. Der wurde mit Steinen verjagt, unser junger Mann – nicht mit Steinen, aber mit (virtuellen) Viren. Für ihn ist es die gleiche soziale Isolation, heute wegen Immunschwäche, damals wegen Lepra. Das Verhalten der Gruppe macht ihn faktisch zum Aussätzigen.

Diese Jugendlichen wie auch unsere bewusst auftretenden Corona-Narzissten mit dem Credo „Ich bin gesund, ich bin stark, ich komme durch!“ sind (vermeintlich) Gesunde, für die Kranke und aus anderen Gründen Gefährdete und auch alle die, welche um ihre Gesundheit und ihr Leben etwas besorgter sind als sie selbst (und das sind viele, in allen Altersstufen) einfach nicht dazugehören. Sie kennen keine Rücksichtnahme, sind Ignoranten, Ausschließer, Wegdrücker, ins innergesellschaftliche Exil Treiber. Und das lediglich zum Schutz ihrer Freiheit, ihrer Feierlaune, ihres Genusses, den sie so dringend brauchen und ohne den sie nicht leben zu können meinen. Die fragilen Chancen Anderer, am Leben bleiben zu können, wiegen weniger als ihr jugendliches oder, wenn sie älter sind, schwärmerisch juveniles Lebensgefühl, das „Machen-können-was-man-will“-Feeling. Das bedeutet nicht nur Gleichgültigkeit, sondern aktive gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. Das ist auch die Definition von Rassismus. (Der Satz von Plautus geht weiter und lautet in Gänze so: „Ein Wolf ist der Mensch dem Menschen, kein Mensch, solange er nicht weiß, welcher Art der andere ist.)

Mit Kultur, kommunikativer, alltäglicher Kultur, welche Menschen jedweder Art, Interessenslage und Identität, jedweden Gefühls- und Gedankenlebens verbindet, mit Kultur als ‚come together‘ verschiedenster, bunter, grauer, tanzender, zitternder, fliegender Menschen, mit Kultur und ihrer grundsätzlichen Diversität hat die beschriebene faktische Aussonderung von Menschen durch Corona-Narzissten nichts, null Komma nichts, zu tun. Dabei ist es so einfach: Maske tragen, Hände waschen und Abstand halten.

(14.10.2020)