Herzlich willkommen...

Liebe Besucherin, lieber Besucher der Schwanenseite,

wir freuen uns über Ihr Interesse daran, was wir vertreiben oder besser treiben. Oft fällt es uns schwer, das, was hier auf der Bühne oder in anderen Räumen geschieht, in Worte zu fassen. Und nicht nur uns. Auch dem Publikum und - nicht zuletzt - den auftretenden Künstlern selbst. Der Ausdruck mit den Mitteln der Kunst ist ihrem normalsprachlichen Verstehen und dem Verstehen dessen, was im Leben geschieht, oft um Jahre oder Jahrzehnte voraus.

Um so schöner, wenn einer, der jährlich im Schwanen vorbeischaut und ansonsten an allen möglichen und unausdenkbaren Orten irgendwo auf der Welt auftritt, sich über sein Tun Gedanken macht und sie zu Papier bzw. in seinen Blog bringt. Steven Walter, dem Schwanenpublikum bekannt von den Dunkelkonzerten her (Lights out Trio), tut das, und wir finden, dass er etwas trifft, nicht nur hinsichtlich des von ihm und anderen initiierten und umgetriebenen Podium Festival Esslingen und dessen neuen Wegen der klassischen Musik, sondern auch hinsichtlich unserer Arbeit im Schwanen. Nicht 1:1 übertragbar, vielleicht gar nicht, aber es gibt ein gemeinsames Moment, das uns gedanklich so noch nicht klar war.

Deshalb hier ein Teil von Stevens Text vom 15.12.  Ausführlich nachzulesen unter podiumfestival.de. Im neuen Jahr suchen wir, diesen Gedanken in Beziehung zu unseren Theaterproduktionen, Weltmusikkonzerten und den anderen Veranstaltungsformen zu setzen und dann gegebenenfalls weiterzuspinnen.

Jetzt aber erst Mal: Frohe Weihnachten und ein Gutes Neues Jahr mit Gesundheit und einem Stück vom Blau des Himmels und der Erde!"!!!

Cornelius Wandersleb (für das Schwanenteam)


Steven Walter
Anfangen und immer wieder Anfangen
Gedanken auf dem Weg in die 10. PODIUM Saison

Nicht alles, was zum Klischee verkommen ist und auf Wandtatoos steht, ist unwahr, nur weil es peinlich geworden ist, es noch einmal zu sagen. Unendlich wiederholt, verkitscht und oft auch instrumentalisiert: so wurden aus wichtigen Wahrheiten suspekte Binsenweisheiten – ausgenommen, ausgespült und aufgedunsen in der neoliberalen, selbstoptimierenden Antriebsmaschine, in der wir noch immer stecken. So ist es auch mit Hermann Hesses berühmtem Ausspruch, dass „jedem Anfang ein Zauber“ innewohnt. Es ist ein wahrer, schöner Satz und trotzdem so schwer, in unserer heutigen, durchironisierten Zeit daran zu glauben. Es helfen hier nur Erfahrungen. Und wenn wir auf unserer Erfahrung mit PODIUM Esslingen seit dem Jahr 2009 zurück blicken, dann waren es eben immer wieder diese Anfänge, die uns antrieben: die nächste, oft unrealistische Projekt- und Programmidee, diese Euphorie der Ignoranz, die mit dem Anfang immer einhergeht.

So wie die literarischen Zitate nichts dafür können, dass sie zu Poesiealbum-Inhalten und Wand-Dekor wurden, so kann auch die sogenannte „klassische Musik“ nichts dafür, dass sie oft so stiefmütterlich, so harmlos und domestiziert präsentiert wird. Diese Musik fand bekanntlich lange in einem bürgerlichen und zwar gehemmten, aber durchaus wertschätzenden, kundigen Kontext statt. Dieses bildungsbürgerliche Milieu aber – das legen viele Studien nah – löst sich mit jüngeren Generationen in anderen Differenzierungen auf. Wir „Millenials“ oder „Generation Y“, die wir in den postmodernen neunziger Jahren aufgewachsen sind, wurden geprägt von der alles überschattenden Ironie, die etwas wohltuend Anästhetisches hatte. „Cool sein“ war die große Maxime. Wie passt das zusammen mit der klassischen Musik im Allgemeinen, und Schumanns „Dichterliebe“ oder Schostakowitschs Streichquartetten oder selbst Bachs Partiten im Speziellen? Es passt überhaupt nicht zusammen, denn diese Musik ist alles andere als cool – sie ist extrem „hot“. Sie will etwas und meint etwas, erzählt vom Menschen, bezieht emotional Stellung. Wir haben es fast vergessen: es gibt große Kunst, die ganz unironisch ist. Wir bewegen uns – glaube ich – in eine neue Epoche hinein, nennen wir sie vielleicht „neo-romantisch“. Wir sind möglicherweise schon sehr tief drin. Dieser Zeitgeist ist oft furchtbar kitschig, und politisch brandgefährlich, aber es darf jedenfalls wieder gefühlt werden: und viel Gutes, Wichtiges und Großes wurde aus Empfindungen gemacht.

Jedes Konzert ein neuer Anfang

So bedeutet unser Schlachtruf Musik wie sie will für uns auch immer, dass wir dieser emotionalen Dimension der Musik dienen, ihr Raum und Entfaltung geben wollen. Und auch dann, wenn die Musik uns anstrengt und anschreit oder einfach nur fremd ist. Diesem Anspruch von Musik wie sie will gerecht zu werden ist freilich fast unmöglich. Denn wer weiß schon wirklich, was wir da spielen, wenn wir Beethoven, Schubert oder Cage spielen? Wir können uns nicht in die gedankliche, weltanschauliche und emotionale Landschaft dieser Zeiten und Künstler zurückversetzen. Schon die kleine Nachtmusik zu „verstehen“ ist unmöglich. Wir betreten mit jedem Werk ein fremdes Land. Und so ist das Konzert an sich auch nur eine Interpretation, so wie die Musik selbst von unseren Musiker*innen und dann wiederum von unseren Hörer*innen decodiert wird. Wir wollen Konzerte als Musikräume schaffen, in denen das „große Ganze“, aus dem heraus Kunst entsteht, emotional erlebbar und nicht nur „ausgestellt“ wird. Dafür gibt es keine Schablonen, keine Standardformate, keine Abkürzungen. Man muss immer, mit jedem einzelnen Konzert, neu mit dem Denken anfangen. Aber es ist dieses tabula rasa, dem – siehe oben – so viel Zauber inne wohnt.

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